Günter Scholz (81)

Ich war 11 Jahre alt, als der Krieg zu Ende war. In dem Ort Gnadenfrei in Schlesien lebte ich mit meinen Eltern, die dort einen Friseursalon hatten. Mein Vater starb an einer Lungenentzündung während des Polenfeldzugs. Ein befreundeter Gärtnereigehilfe brachte mich und meine Mutter vor dem Einmarsch der Roten Armee in den 25 Kilometer weiter gelegenen Ort Neurode und bald darauf wieder zurück nach Gnadenfrei. Dort lebten wir bis 1947. Der Besitzer der Gärtnerei, ein Nazi, war abgehauen, sein Gehilfe, mein späterer Stiefvater Fritz Rother, musste jetzt die Gärtnerei betreiben und Gemüse liefern. Alpenveilchen konnte keiner mehr gebrauchen. Die Gärtnerei wurde oft nachts geplündert. Deswegen wurde Rother abgeholt, auf der Kommandantur eingesperrt und verprügelt, aber am nächsten Tag freigelassen. Seitdem stand ein russischer Soldat als Wachposten vor der Gärtnerei.

Ich habe auch die andere Seite der Russen kennengelernt. Das letzte Stück Brot zu teilen, gebot ihre Gastfreundschaft, dabei hatten sie oft weniger als wir. Jeden Tag konnte ich Milch mit nach Hause bringen. In unregelmäßigen Abständen wurden Transporte nach Deutschland zusammengestellt. Am 18. 4. 1947 mussten wir innerhalb von zwei Stunden unsere Sachen packen, meine Mutter raffte noch die zum Kochen aufgesetzten nassen Windeln für meine kleine Schwester zusammen, und dann ging es 12 Kilometer zu Fuss in die nächste Kreisstadt, und zwei Tage darauf begann die Fahrt ins Ungewisse. Am 5. Mai schließlich kamen wir in Ventschow an, wo wir in einem Barackenlager in einer großen Baracke mit 60 Leuten untergebracht wurden. Da wurde geboren und gestorben, die Zustände waren katastrophal, die Hygiene schlimm. Nach einiger Zeit hatten wir dann eine kleine Baracke, unsere ersten vier Wände für die Familie.

Von 1944 bis 47 hatte ich keinen Schulunterricht. Als 12 jähriger habe ich beim Bauern gearbeitet, dort bekam ich gut zu essen und zum Jahresende einen Sack Weizen. Ich war stolz, damit zur Ernährung der Familie beigetragen zu haben. Kontakt zu den Dorfbewohnern hatten wir zunächst wenig, anerkannt wurden aber besonders von den Siedlern die Hilfsangebote und die tatkräftige Unterstützung, die dann zu regelmäßigen Begegnungen führte.

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond