Irmgard Scholz (78)

Ich war damals sieben Jahre alt. Nie und nimmer haben wir geglaubt, dass wir Virchow in Pommern jemals verlassen müssten. Bis schließlich russische Artillerie in unser Dorf schoss. Alles wurde kopflos. Mit Soldatenautos sind wir 15 Kilometer von unserem Dorf weggebracht worden. Nur das Nötigste hatten wir bei uns. Nun nachdem mal wieder etwas Ruhe eingetreten war, sind meine älteren Schwestern noch zweimal zurückgefahren, um wenigstens noch ein paar Betten zu holen. Das eine Mal verließen sie den Ort wieder unter heftigstem Beschuss, da waren die Panzer bis Virchow vorgedrungen, und vor uns fielen Bomben, es war schaurig. Froh waren wir erst, als wir aus dem Hexenkessel heraus waren. 14 Tage wohnten wir in der kleinen Ortschaft Birkholz, von dort aus zogen wir nach Falkenberg, wo wir noch zwei Tage wohnten. Dann bekam auch Falkenberg Räumungsbefehl. Nun überlegten wir nicht lange und benutzten den erstbesten Zug, der uns ins Ungewisse fuhr.

In Henkenhagen bei Dramburg hielt der Zug eine ganze Weile, bis er dann zum Erstaunen aller Reisenden in einem tollen Tempo losfuhr. Bis wir schließlich erfuhren, dass russische Panzer an dieser Stelle bis auf 300 Meter vorgedrungen waren. Nun erst wurde uns klar, in welch einer Gefahr wir geschwebt haben. Bis Stettin fuhren wir an der Front entlang. Abends war es immer ganz unheimlich, wenn man die hellen Feuerstreifen am Himmel sah. Dann ging es weiter über Pasewalk, Greifswald, Stralsund, Rostock, und in Güstrow wurden wir ausgeladen. Von dort aus ging es auf Lastwagen in die kleine Ortschaft Lohmen, und dann 15 Kilometer auf Leiterwagen in unsere vorläufige Heimat Borkow. Ganz durchgefroren und ermüdet kamen wir hier an und waren froh und dankbar, dass wir ein warmes Zimmer vorfanden. Das Zimmer, das wir bewohnten, war ganz schön groß, aber sehr primitiv eingerichtet, nicht mal ein Kleiderschrank befand sich hier.

Es hat doch eine Menge Überwindung gekostet, Haus und Hof mit einem Köfferchen in der Hand zu verlassen. Meine 13 Jahre ältere Schwester Anna war seit Kindheit taubstumm, hatte aber in Stettin eine Schneiderlehre abgeschlossen. In Borkow angekommen konnte sie nach einiger Zeit ihren Beruf wieder ausüben, weil eine nette und hilfsbereite Nachbarin (Frau Guth) ihr ihre Nähmaschine zur Verfügung gestellt hatte.

Für Borkow waren die Flüchtlinge eine Bereicherung.

 

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond