Boushra Alhamdan (27)

Meine Familie und ich kommen aus Homs. Das liegt in Syrien nahe an der libanesischen Grenze. Mein Name ist Boushra Alhamdan, ich bin 27 Jahre alt und bin zusammen mit meinen beiden Brüdern, Ali (17 Jahre) und Mohammad (9 Jahre) nach Deutschland gekommen. Ich wollte gehen und habe meine Familie überredet, zu gehen.

Wir mussten unsere Heimat verlassen, weil Homs ständig bombardiert wurde. Es war nirgends mehr sicher. Auf meinem Weg zur Arbeit fielen die Bomben und zerstörten Häuser und Straßen und viele Menschenleben. Ich arbeitete an der Universität im Bereich Informatik-Technologie als Lehrerin und Beraterin, aber es wurde zu gefährlich. Es gab keinen Strom mehr. Mein Vater war Bauunternehmer und verlor durch den Krieg seine Arbeit. Das Leben wurde unerschwinglich teuer. Zu teuer und zu gefährlich für meine 9 köpfige Familie.

So bin ich am 29. 8. 2015 mit meinen beiden Brüdern als erste meiner Familie aufgebrochen. Wir sind mit dem Bus in den Libanon gefahren und von dort mit einer großen Fähre in die Türkei nach Mersin, weiter mit dem Bus nach Izmir. Dort blieben wir eine Woche und warteten auf eine befreundete Familie. Mit dieser Familie zusammen bezahlten wir einen Schleuser, der uns nach Griechenland brachte. Für meine Brüder und mich zahlte ich 3200 $ für die Überfahrt. In einem kleinen Schlauchboot saßen 50 Menschen, aber wir hatten Glück, und die See war ruhig. Wir konnten uns in der Nacht nur mit dem GPS meines Handys orientieren und gelangten ohne Zwischenfall nach Chos, eine griechische Insel. Von dort gelangten wir, wie alle anderen Flüchtlinge auch, auf die Fähre nach Athen und weiter mit dem Bus an die makedonische Grenze. Dort mussten wir die Nacht warten zusammen mit vielen Menschen anderer Nationen. Es regnete und wir froren schrecklich. Dann hieß es plötzlich, Familien dürfen passieren und sollen in ein Camp gehen nur eine halbe Stunde entfernt. Wir hatten Angst, dort hinzugehen, denn die Menschen waren nicht freundlich. Weiter ging es mit dem Bus nach Serbien, über Belgrad an die ungarische Grenze. Dort liefen wir stundenlang in der Nacht im Gleisbett, bis wir ein Maisfeld erreichten. In diesem wartete ein Transporter, der unsere Gruppe (17 Menschen) darin versteckte. Aber schon nach 10 Minuten wurden wir von der Polizei gefasst. Erst kamen wir für zwei Stunden in ein Camp. Es war kalt, und wir hatten immer noch die nasse Kleidung an. Es gab nichts zu essen oder zu trinken. Dann wurden wir in eine Polizeistation gebracht. Mit 30 Menschen wurden wir in einen sehr kleinen Raum gesperrt. Eng und dreckig. Als wir nach Wasser fragten, hieß es, wir sollten doch aus der Toilette trinken. Hier wurden wir registriert. Nach der Registrierung wurden wir in das nächste Camp gebracht. Es gab nur die Möglichkeit, auf Holz zu schlafen. Nach 24 Stunden durften wir den Bus in Richtung Österreich besteigen. Mein kleiner Bruder weinte die ganze Strecke nach Österreich, weil er solche Angst hatte vor den ungarischen Polizisten. In Wien wurden wir wieder wie Menschen behandelt. Es war so eine Erleichterung. Von Wien ging es über München, Dortmund, Horst nach Dabel.

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond