Elli Zielke (75)

Mein Vater Heinrich Wazlke und Onkel Karl Lassek waren in Russland Soldaten. Meine Mutter Anna Wazlke und Tante Bertha lebten mit mir in Rosenberg, heute Olesna in Schlesien. 1944 begann dann die Flucht. Ein Güterzug stand bereit und wurde vollgestopft mit Menschen – ab in Richtung Westen. Die Züge wurden schon durch Flugzeuge beschossen. Tante und Mutter nutzten einen Stopp des Zuges und flohen zu Fuß, so viel es ging durch Wälder. Gegessen haben wir, was wir fanden oder erbettelten. Oft haben wir in Strauchbuden, die die Frauen aus Ästen bauten oder in Ruinen geschlafen. Tante erzählte oft, wie tote Soldaten oder Flüchtlinge am Wegesrand lagen.

Meine Mutter war mit dem zweiten Kind schwanger, welches dann - ein Mädchen – in der Nähe von Küstrin geboren wurde. Es wurde eine Pause eingelegt, und die zwei Frauen mit nun zwei kleinen Kindern zogen weiter. Die Front aus dem Osten kam immer näher zur Oder. Meine kleine Schwester wurde nur drei Wochen alt, dann ist sie verhungert. Ich kann mich erinnern, dass ein Bündel in einem Blumengarten vergraben wurde. An der Oder kamen wir dann richtig in Beschuss. Mein Vater hatte in Prötzel-Wrizen Oberbarmin Geschwister, und das war nun unser Ziel. Dort angekommen in der Nähe von Berlin gab es kaum etwas zu essen, aber Tante Bertha nahm mich auf den Arm und ging zu den Russen. Die meisten hatten ein Herz für Kinder, und so hatten alle etwas zu essen. Dann mussten die Frauen für die Russen arbeiten und hatten immer Angst vor Vergewaltigungen. Die Not um Berlin wurde immer größer, sodass Tante Bertha entschied, nun schlagen wir uns durch nach Mecklenburg.

In Bolz war kaum etwas vom Krieg zu spüren. Wir bekamen in der Schnitterkaserne ein Lager auf Stroh und hatten nur das, was wir am Leibe trugen. Ein Problem war die Sprache. Das Platt war dem Englischen so ähnlich, dass wir kaum etwas verstanden. Die Einheimischen sahen uns als Zigeuner an und sahen zum Teil auf uns herab. Die Vertriebenen kamen auch aus vielen Ländern – Polen, Jugoslawien. Es gab auch Menschen, die uns etwas abgaben, z.B. einen Topf Milch oder ein Ei. Die Männer haben gegen Tabak Seife oder Brot getauscht. Also wurde im Garten Tabak angebaut. Jeder hatte seine Aufgabe: Tabak pflücken, auf ein Band auffädeln, trocknen, schneiden. Als die Mecklenburger merkten, die arbeiten, sind fleißig, da fingen sie an, uns zu akzeptieren.

Der Gutsbesitzer aus Bolz war vertrieben und das Gutshaus voller Flüchtlinge. Als sein Land durch die Bodenreform verteilt wurde, bekam auch Tante Bertha eine Siedlung von ca. 9 Hektar Land. Das war auch ein schweres Los, ohne Pferd dieses Land zu bearbeiten. Sie bekam eine Kuh, die musste Milch geben, den Pflug ziehen, aber wir konnten leben. Tante Berthas Mann kam 1948 aus Frankreich aus der Gefangenschaft. Mein Vater landete in Bayern und hat dort eine andere Frau gefunden. So wuchs ich ohne Vater auf. Ich habe 1972 meinen Mann W. Zielke geheiratet, und wir haben eine Tochter, die zwei Kinder hat. Und so lebt die Familie weiter. Unsere Heimat ist nun Mecklenburg, und wir sind hier zu Hause.

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond