Alaa Faisal Nayef (24)

Ich bin Alaa Faisal Nayef, 24 Jahre alt und komme aus Damaskus. Meine Großeltern waren aus Palästina eingewandert. Meine Mutter ist Krankenschwester, zwei meiner Brüder Juristen, und mein Vater ist, so wie ich auch, Lehrer.

Meine Brüder sollten zum Kriegsdienst eingezogen werden, aber welchen Zweck hat dies in einem Bürgerkrieg? Für welches Ziel? Die beiden flohen als erste in Richtung Schweden. Für uns alle war nicht genug Geld da, sodass unsere Familie nur nach und nach, und nicht alle zusammen, fliehen konnte.

In Damaskus kam es zu Kampfhandlungen, und Bomben zerstörten unsere Wohnung, auch meine Arbeit als Lehrerin verlor ich. Die Gefahr für unser Leben wurde zu groß, und mein Bruder (20 Jahre) und ich machten uns auf den Weg:

Von Damaskus nach Quamilisli, einer Grenzstadt zur Türkei. Mit einem bezahlten Schleuser unter widrigen Umständen bis nach Izmir an der Küste. Immer in Panik, von der Polizei entdeckt zu werden. Wir stiegen in ein kleines Schlauchboot. Ich hatte solche Angst, aber hatte ich eine Wahl? Meine restliche Familie war schon in Schweden, und die Familie war doch alles, was ich noch hatte.

8 Stunden trieben wir auf dem Mittelmeer, bis wir auf Samos anlandeten. Dann flohen wir weiter über Athen nach Makedonien, wieder mit einem Schleuser für 2000 € pro Person. Wir waren zu Fuß, in nassen Kleidern, kein Essen, keine Toilette, kein Platz zum Schlafen. Wir versteckten uns drei Tage im Wald, denn der Schleuser hatte uns belogen, und es gab keinen einfachen Weg über die Grenze. Wir drängten uns mit viel zu vielen Menschen auf einem Geflügellaster, gingen stundenlang im Gleisbett. Ein Mensch aus unserer Gruppe wurde vom Zug erfasst und starb.

An der ungarischen Grenze fing uns die Polizei und steckte uns in ein Gefängnis eine Woche lang. Sie zwangen uns zur Registrierung mit Folterandrohungen und Schlägen. Sie nahmen mir mein Kopftuch, verhinderten, dass wir schlafen konnten, verhöhnten uns. Vielen Menschen in diesem Gefängnis wurden die Daumen gebrochen.

Nachdem wir registriert wurden, konnten wir weiterreisen: für 500 € pro Person über Österreich nach Deutschland. So oft wussten wir nicht wohin, wo wir waren. Ich weinte sehr viel, ich war so erschöpft, bis wir endlich in Schweden ankamen. Ich sah meine Familie wieder und musste aber schon sehr bald in ein Auffanglager, 400 km von meiner Familie entfernt. Nach 3 Monaten bekamen wir die Nachricht, dass mein Bruder und ich aus Schweden abgeschoben werden. Wir sollten zurück nach Ungarn, wo wir registriert worden waren. Dorthin, wo wir geschlagen und gedemütigt wurden und wo gefoltert wird.

Wieder in Deutschland kamen wir nach Horst und beantragten Asyl. Mein Bruder ist jetzt in Parchim und ich bin in Dabel.

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond