Anneliese Wagner (76)

Mein Lebensweg begann in Ostpreußen, im heutigen Polen, wo ich am 15. 2. 1940in Lissau, Kreis Lyck geboren wurde. Kurz vor meiner Geburt gab es eine Ferntrauungder Eltern, da mein Vater im Krieg war.

Nach zwei Jahren, so wollte es mein Vater, dass wir flüchten ins Deutsche Reich. Er erkannte schon damals, dass wir diesen Krieg nicht gewinnen werden. Unsere Reise ging von Ostpreußen mit dem Zug nach Pockau ins Erzgebirge und nach einigen Monaten weiter nach Thüringen in den Ort Wormstedt. Auch die ältere Schwester meiner Mutter, Tante Julchen, flüchtete aus Ostpreußen und landete in Rothen in Mecklenburg. Da Mecklenburg landschaftlich ähnlich ist wie Ostpreußen, entschied sich meine Mutter, auch nach Rothen zu ziehen. In Rothen war keine Herberge für uns, da von überall die Flüchtlinge eingetroffen waren. Alle Räumlichkeiten waren vergeben, nur die Räucherkammer im Gutshaus Rothen war noch leer.

Angekommen sind wir im Frühjahr 1946. Sechs Jahre war ich alt und kann mich daran erinnern, wie speckig und dunkel die Wände der Räucherkammer waren. In diesem Raum sind auch heute noch die drei schmalen Fester, vor denen ich Angst hatte, weil es da so tief runter ging. Wir kamen in diesen Raum über eine Leiter rein. Geschlafen haben wir beide auf Strohsäcken. 1946 wurde ich auch in Mustin eingeschult. Meine Mutter hatte irgendwoher eine Schiefertafel organisiert, deren eine obere Ecke ausgebrochen war. Alle Kinder damals waren arm. Ein Lesebuch hatte ich auch nicht, das musste man von anderen Mitschülern borgen. Überall, wo Arbeit war, half meine Mutter, um Lebensmittel zu bekommen. So arbeitete sie einen ganzen Tag bei einem Bauern und bekam dafür als einzigen Lohn einen Apfel. Das vergesse ich nie.

 

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond