Salar Hazan (28)

Ich bin Kurde und wurde in der Grenzstadt Qamisli geboren. Mein Vater bekam Arbeit in der Nähe von Ar-Raqqa, und ich wuchs in Taura auf. Nach der Schule studierte ich in Aleppo Computer Engineering und lernte dort auch meine zukünftige Frau Malak kennen.

2012 begannen die Demonstrationen gegen das Assad Regime, an denen auch ich teilnahm. Die Geheimpolizei verhaftete wahllos Menschen, so auch mich. 10 Tage musste ich im Gefängnis bleiben, bis meine Eltern mich freikauften.

In Aleppo wurde die Situation immer schwieriger, und auch in Taura war es für meine Familie nicht mehr sicher. So beschlossen wir, gemeinsam wieder nach Qamisli zu ziehen. Auch dort gab es jetzt unterschiedliche Gruppierungen, die gegeneinander kämpften. Die Kurden, wie auch regimetreue Soldaten wollten mich in den Militärdienst zwingen, sodass ich das Land verlassen habe und in den Irak gegangen bin. Im Nordirak leben viele Kurden, und ich konnte mit meinem abgeschlossenen Studium schnell eine Stellung finden. Ich arbeitete im Internetservice und musste den Wunsch, meine Ausbildung weiter zu spezialisieren erst einmal zurückstellen. Während der zwei Jahre im Nordirak wurde die Situation in Aleppo immer dramatischer. Ganze Stadtteile wurden systematisch bombardiert. Ich bat Malak, die mit ihrer Familie noch immer in Aleppo lebte, in die Türkei zu fliehen und mich dort zu heiraten. Für 200 US$ schleuste man mich zu Fuß über die irakisch-türkische Grenze. Da meine syrischen Papiere abgelaufen waren, ich aber nicht mehr nach Syrien konnte, musste ich ohne Papiere fliehen.

Ich traf meine zukünftige Frau in Mercin, dort blieben wir 10 Tage und heirateten. Offizielle Papiere gab es natürlich nicht. Dann fuhren wir weiter mit dem Bus nach Istanbul. Dort suchten wir uns einen Schleuser, der uns erst mit einem Transporter zur Küste brachte und dann mit einem Schlauchboot nach Lesbos - für 1300 US$ pro Person. Das war viel Geld, aber unser Boot war dafür nicht überladen, und es gab keine Zwischenfälle. Auf Lesbos liefen wir lange, bis wir endlich auf eine Straße trafen und nach Mitilini fuhren. Von dort flogen wir nach Athen und mieteten uns mit einem befreundeten Paar ein Appartement.

Wir kauften für Malak einen gefälschten Pass und hofften, dass sie mit dem Flugzeug nach Deutschland fliegen könnte. Sie wurde aber am Flughafen erwischt und musste einen Tag ins Gefängnis. Danach erzählten uns Freunde, dass die Balkanroute gerade ganz einfach zu bewältigen wäre. So sind wir los. Nach Makedonien über Serbien, Kroatien bis zur Grenze von Ungarn. Dort wurden wir mit dem Zug zur österreichischen Grenze gebracht. Nach 3 Tagen in Wien fuhren wir mit dem Zug in Richtung Hamburg. In Passau stoppten sie den Zug und nahmen unsere Fingerabdrücke, dann konnten wir weiterfahren, über Hamburg-Harburg nach Kiel. An sich wollten wir nach Norwegen, aber wir überlegten es uns anders und kamen nach Horst ins Auffanglager, dann über Schwerin nach Dabel.

Vielleicht kann ich jetzt, hier in Deutschland, meinen Traum von der Spezialisierung verwirklichen.

 

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond