Roghiyeh Azimi (30)

Ich bin in La`l war sar jangal geboren, genau wie mein Mann. Wir stammen beide aus dem sehr kleinen Dorf in Zentralafghanistan und sind Hazara (eine schiitische Minderheit). Mein Name ist Roghiyeh Azimi, ich bin 30 Jahre alt und mein Mann Ali 38, unsere Kinder sind jetzt 5 und 8 Jahre alt.

Eines Tages im Juni 2007 war ich am Fluss Geschirr spülen, als eine Gruppe von Kutschis (vorrangig Paschtunen, Nomaden) mich und meine Begleiter überfielen. Es flogen Steine, es floss Blut, wir lebten nur noch in Angst und mussten sofort fliehen.Wir machten uns mit meiner nicht mal einjährigen Tochter sowie unseren Brüdern (13 und 14 Jahre) zu Fuß mit Eseln und Pferden auf den Weg zur afghanisch-iranischen Grenze. Im Iran sperrten uns Schleuser in eine Scheune ohne Licht. Die Schleuser trennten uns. Ich musste mit den Kindern zurückbleiben. Allein unter etwa 100 Männern, nur ich und mein Baby als einzige weibliche Wesen, immer eingeschlossen, hungrig, immer in Angst, entdeckt zu werden.

Nach drei Monaten ging es endlich los. Zu Fuß in die Berge über die iranisch-türkische Grenze, ohne Essen und Trinken. Ich hätte es mit den Kindern nicht geschafft, wenn uns ein Kurde nicht gerettet hätte. Nach drei Monaten fanden wir endlich wieder mit Ali zusammen.

Fast 8 Jahre lebten wir in der Türkei. Wir mussten illegal arbeiten und waren Menschen 2. Klasse. Ich wurde überall, auf der Straße, beim Einkaufen, bei der Arbeit sexuell belästigt. Ich konnte mich nicht mehr frei bewegen und wurde krank. Schließlich haben wir uns mit drei anderen afghanischen Familien in Cesme zwei Schlauchboote gekauft, um nach Lesbos überzusetzen. Nur eines von den beiden hatte einen Motor. In dieses stiegen die Frauen und Kinder, das andere ruderten die Männer. Auf See wurden wir getrennt. In der Nacht tauchte ein Schiff mit bewaffneten, schwarzgekleideten Männern auf. Sie versenkten unseren Motor und ließen uns hilflos zurück. Als wir entkräftet und am Verdursten waren, rettete uns die türkische Küstenwache. Wir waren wieder von meinem Mann getrennt, ohne Papiere, ohne Geld.

Nach ein paar Tagen fand mich Ali in Izmir. Mit Hilfe eines Schleusers erreichten wir dann doch noch in einem völlig überfüllten Boot Lesbos, von wo aus wir uns sofort weiter auf den Weg machten. Wir folgten heimlich anderen Schleusergruppen, da wir uns weitere Schleuser nicht mehr leisten konnten. Wir hatten immer Angst vor Polizei, vor wilden Tieren, vor Räubern.

In Ungarn griff uns die Polizei auf. Die ungarischen Polizisten waren schlechte Menschen. Sie schlugen, beleidigten uns, verhöhnten uns, aber brachten uns schließlich an die österreichische Grenze. Es war wie eine Erlösung. In Österreich gab es Duschen, frische Kleidung, Essen und Trinken. Weiter ging es dann über Wien, Salzburg, München, Berlin nach Horst und von da dann nach Dabel.

Ich bin erst 30 Jahre alt, aber ich bin so müde. Ich möchte endlich irgendwo zu Hause sein…. ohne Angst.

 

Christian Lehsten & Solveig Witt | Flüchtlingsgespräche | 2016 | 100 x 70 cm | Dibond